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ASTRID SURMATZ: |
Pippi
Langstrumpf ist über fünfzig Jahre alt, und das Ende des Zweiten
Weltkriegs liegt ähnlich lange zurück. Welche Einstellung hatten Sie zu
Deutschland während des Krieges?
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ASTRID LINDGREN: |
Vor
allem denke ich dann an Hitler. Ich werde so verdammt wütend, wenn ich
an diesen Hitler denke. Einfach furchtbar. Und überall taucht er im
Moment auf.
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ASTRID SURMATZ: |
Sie
meinen, dass der Weltkrieg so viel in den Medien behandelt wird?
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ASTRID LINDGREN: |
Genau,
und die ganzen Erinnerungen an diese Zeit werden wieder wach. Eine
schreckliche Zeit war das. Wie alt sind Sie eigentlich? Sie können
natürlich nicht wirklich wissen, wie es damals war, alle schlechten
Nachrichten, die ständig hereinströmten, und wie es draußen in Europa
zuging, und die Essensrationierungen und so weiter. Es ist so
bedrückend, darüber nachzudenken. Dass dieser Hitler ein ganzes Volk
ausrotten würde ... Doch dann nahm er sich in einem Bunker das Leben -
vielleicht war es kein Vergnügen mehr, in dieser Situation Hitler zu
sein. Für ihn war es wie eine Bagatelle, den Krieg anzuzetteln und in
Frankreich einzumarschieren.
Und die Einberufungen und die deutschen Truppentransporte durch Schweden
... Unsere Rolle war nicht immer rühmlich - und die Zensur und die
Rationierungen. Das war wie abgeschnitten vom normalen Leben.
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ASTRID SURMATZ: |
Sie
hatten während des Krieges in der schwedischen Briefzensur gearbeitet?
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ASTRID LINDGREN: |
Ja,
damals musste man schwören, dass man nie auch nur ein Sterbenswörtchen
darüber verlieren würde, aber das war ja damals. Also, ich glaube,
das war so die Zeit zwischen 1940 und 1945. Wir waren eine große Anzahl
Angestellter, mehrere hundert, und auch aufeinander angewiesen, weil wir
nichts nach außen weitergeben durften. Vielleicht hatten wir auch
deshalb einen guten Zusammenhalt. Wir mussten die ganze Militärpost
überprüfen, da die Armisten nicht weitergeben durften, wo sie
stationiert waren. Wir hielten die Briefe dann zurück; ich nehme an bis
an das Kriegsende, wo die Briefe dann ausgehändigt wurden. Und wir
mussten - wie gesagt - schwören, dass wir nie etwas darüber nach außen
tragen würden. Außerdem habe ich während des Krieges für den
Kriminologen und Dozenten Harry Söderman gearbeitet. Söderman hatte
einen jungen Mitarbeiter, Professor Katz, der Jude war und sehr viel
Angst um seinen Bruder hatte, der in Deutschland lebte. In Schweden gab
es zu der Zeit viele Menschen, die täglich versuchten, nach Deutschland
zu telefonieren, um sich nach ihren Verwandten zu erkundigen. Eines
Tages wurde der Bruder verhaftet und kam ins KZ; seine Frau erlitt einen
Schlaganfall und starb, vielleicht hat ihr das manches erspart. Ja, so
waren die Zeiten.
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ASTRID SURMATZ: |
Gab es
neben der äußeren Zensur auch so etwas wie innere Zensur, in dem Sinne,
dass Autoren sich Selbstzensur auferlegten?
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ASTRID LINDGREN: |
Sie
meinen doch wohl nicht, dass Hitler einen so großen Einfluss hatte, dass
man in Schweden bei jedem Handgriff auf ihn Rücksicht nahm? Kinderbücher
jedenfalls konnte man schreiben, wie man wollte, er war ja verdammt noch
mal kein Herrscher über Schweden. Als ich das Manuskript zu Pippi
Langstrumpf beim Bonnier-Verlag einreichte, war das im Grunde eine
andere Welt. Über die Politik hier zu Hause oder in der Welt habe ich
mich nicht gekümmert, wenn ich für Kinder schrieb. Ich lebte in der Welt
des Kindes, das nichts von Hitlers Existenz weiß, obwohl ich das
natürlich wusste.
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ASTRID SURMATZ: |
Hat
denn der Starke Adolf in der Zirkusszene, den Pippi so glorreich
besiegt, etwas mit Hitler zu tun, könnte das so eine Art ironischer
Kommentar sein?
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ASTRID LINDGREN: |
Also
ich glaube nicht, dass ich bewusst daran gedacht habe.
Nicht im Traum wäre mir eingefallen, dass ich diesen schrecklichen
Hitler in meinem Kinderbuch haben wollte.
Er durfte nicht einmal in die Nähe meines Buches kommen.
Und man kann niemandem so übel wollen, dass man ihn nach Hitler benennen
würde.
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ASTRID SURMATZ: |
Dann
gibt es noch die Szene mit dem Kaffeeklatsch.
Ich habe das als Einwurf gegen disziplinierende, militärisch geprägte
Erziehung gedeutet.
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ASTRID LINDGREN: |
Also
erst einmal ist das ein Spiel, das Pippi vom freien Leben auf den sieben
Meeren mitgebracht hat. Sie weiß nicht, wie sie sich verhalten soll,
also greift sie darauf zurück und spitzt damit die Situation zu. Das ist
ihre Art, mit den Erwachsenen umzugehen, ohne dass sie groß darüber
nachdenkt. Aber indirekt schon.
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ASTRID SURMATZ: |
Wie hat
sich Ihre Einstellung Deutschland gegenüber mit dem Kriegsende
verändert? Ich habe in einer Zeitung gelesen, dass Sie sich kritisch
über deutsche Touristen geäußert haben, nicht zuletzt, weil sie die
Stockholmer Schäreninseln heimsuchen und teilweise aufkaufen?
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ASTRID LINDGREN: |
Also
direkt so denkt man vielleicht nicht über die Deutschen,
aber das ist schon ein Problem mit diesen großen Ländern.
Deshalb habe ich mich auch gegen die EU ausgesprochen und gegen die
EU-Mitgliedschaft Schwedens plädiert.
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ASTRID SURMATZ: |
In der
Nachkriegszeit haben Sie sich aber dafür eingesetzt, dass Ihre Texte ins
Deutsche übersetzt werden?
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ASTRID LINDGREN: |
Also,
das war so: Da kam ein kleiner Mann zu mir in den Verlag, weil ihn
jemand aus der Buchhandlung Kungsbokhandeln zu mir geschickt hatte.
Dieser Mann war Friedrich Oetinger.
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ASTRID SURMATZ: |
War es
nicht zuerst so, dass Sie sich selbst als Lektorin im Verlag für Ihre
Bücher engagiert hatten? So weit ich weiß, haben doch fünf Verlage in
Deutschland Pippi Langstrumpf abgelehnt?
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ASTRID LINDGREN: |
Das mag
schon sein. Oetinger jedenfalls war vom Krieg gezeichnet. Er kam in den
Kungsbokhandel, den es heute gar nicht mehr gibt. Der Buchhändler
schickte ihn zu mir. Er sah aus wie ein Lumpengeselle und wollte eine
Option auf Pippi Langstrumpf haben. Und ich hatte zu der Zeit ja auch
von nichts eine Ahnung, das war ja ein völlig unbekannter Verlag, der
vielleicht nicht zu den besten zählte.
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ASTRID SURMATZ: |
Hat
denn der Erfolg in Deutschland die internationale Verbreitung gefördert?
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ASTRID LINDGREN: |
Da gab
es keine besondere "connection". Die englische und französische
Übersetzung erschienen erst viel später.
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ASTRID SURMATZ: |
Haben
Sie selbst auf die Übersetzung von Pippi Langstrumpf Einfluss genommen?
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ASTRID LINDGREN: |
Das war
eine schwierige Geschichte, aber letztendlich war sie [die Übersetzerin
Cäcilie Heinig] die Deutsche.
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ASTRID SURMATZ: |
Wie
sieht es denn mit dem Namen bei Emil aus? Einige Erklärungen gibt es ja
in Bezug auf Rousseaus Emile, oder dass jemand in Ihrer Familie so
heißt?
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ASTRID LINDGREN: |
Das ist
schwer zu sagen. Es gibt jemanden in meiner Familie, der diesen Namen
trägt. Aber ich weiß sehr wohl, dass Emil in der deutschen Übersetzung
zu Michel wurde, und das finde ich geradezu lächerlich, Emil umzutaufen.
Aber Sie meinen jetzt den schwedischen Namen?
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ASTRID SURMATZ: |
Ja, ich
dachte an Emil und die Detektive von Erich Kästner.
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ASTRID LINDGREN: |
Genau,
und wegen dieses Titels wollten sie bei Oetinger gern den Namen zu
Michel ändern. Sie meinten, dass alle denken würden, dass sich der Name
darauf bezöge.
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ASTRID SURMATZ: |
War das
Kästner-Buch denn wirklich ein Vorbild für Ihre Bücher? Zumindest für
Kalle Blomquist?
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ASTRID LINDGREN: |
Das
glaube ich eigentlich nicht. Ich kannte ja Erich Kästner, ich meine, ich
habe ihn auch getroffen, aber das war viel später. Da hatte ich die
Bücher schon geschrieben. Und außerdem finde ich nicht, dass man einen
Namen mit Beschlag belegen kann. Es kann doch mehrere Leute mit dem
selben Namen geben.
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ASTRID SURMATZ: |
Sie
sollen geäußert haben, dass Sie Pippi Langstrumpf heute nicht mehr so
schreiben würden?
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ASTRID LINDGREN: |
Wann
soll ich das denn gesagt haben? Das kann ich mir nicht vorstellen. Nein,
also die Pippi ist genau richtig, genau wie sie sein soll. Das haben
sich andere ausgedacht [lacht].
Ich würde sie genau so noch mal schreiben. Pippi war einfach wie sie
war. Vielleicht unrealistischer als andere Figuren, wie Ronja zum
Beispiel.
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ASTRID SURMATZ: |
Sie
haben zu den Verfilmungen Ihrer Bücher selbst die Drehbücher geschrieben
und Ihre Bücher als Theaterstücke bearbeitet. Wie stark sind da die
Eingriffe, welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?
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ASTRID LINDGREN: |
Das hat
viel Spaß gemacht. Ja, um's Theater musste man sich damals auch noch
kümmern. Was sollten sie sonst im Kindertheater spielen? Manchmal habe
ich das Gefühl, ich hätte damals einfach alles gemacht. [Lacht]
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ASTRID SURMATZ: |
Haben
Sie eigentlich irgendwann den Entschluss gefasst:
So, jetzt werde ich Autorin? Die Geschichte, wie Sie Ihrer kranken
Tochter von Pippi erzählten und Sie dann mit verstauchtem Fuß selbst im
Bett lagen und das Buch geschrieben hatten, könnte das nicht auch so
eine Art Märchen sein?
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ASTRID LINDGREN: |
Nein,
das war schon so. Also, den Namen Pippi, den hat sich meine Tochter
ausgedacht. Das Buch erschien 1945, und da hatte es einige Jahre
gelegen.
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ASTRID SURMATZ: |
Nach
dem Krieg wollten Sie sich doch als Autorin einen Namen machen?
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ASTRID LINDGREN: |
Also
jetzt erzähle ich die Geschichte:
Ich musste mich von zwei starken Kerlen nach Hause tragen lassen, weil
ich mir den Fuß verstaucht hatte. Das zwang mich ins Bett und brachte
mich dazu, Pippi aufzuschreiben. Und früher zu Hause bei meinen Eltern
gab es ja kaum Bücher.
Ich hatte keinen Gedanken darauf verschwendet, Autorin zu werden. Ich
habe zu meinem eigenen Spaß geschrieben.
Das habe ich dann Karin zum zehnten Geburtstag geschenkt.
Ich erzählte ihr die Geschichte, als sie krank im Bett lag.
Das Buch entstand also eigentlich zwischen 1934 und 1944.
Dann habe ich es zuerst beim Bonnier-Verlag eingereicht.
Es macht wirklich Spaß, zu schreiben. Und Rabén und Sjögren hatten diese
Schreibwettbewerbe. Da habe ich mit Britt-Mari den zweiten Preis
gewonnen. Und bevor sie den Brief aufmachten, hatten sie keine Ahnung,
wer das geschrieben hatte. Schließlich bekam ich das Manuskript vom
Bonnier-Verlag zurück, sie wollten es nicht. Dann habe ich es bei Rabén
und Sjögren versucht. Bis Kalle Blomquist habe ich an jedem Wettbewerb
teilgenommen. Das reichte auch langsam. Die Bücher kamen in schneller
Folge. Elsa [Olenius] hat dann vorgeschlagen, dass ich bei Hans Rabén
arbeiten sollte. Stenographieren konnte ich ja immerhin. [lächelt]
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ASTRID SURMATZ: |
Wenn
Sie Ihre Texte schrieben, hatten Sie dann im Hinterkopf, dass das ja
auch Texte zum Vorlesen waren? Und dass sie Kindern vorgelesen würden?
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ASTRID LINDGREN: |
Ich
glaube, ich weiß einfach, wie sie zu schreiben sind. Es gibt nicht so
viele Kinderbücher, die wirklich für Kinder geschrieben sind. Schauen
Sie sich doch all die Kinderbücher an, die eigentlich für Erwachsene
geschrieben wurden. Nein, ich denke immer nur an das Kind in mir, wenn
ich schreibe.
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