Den
Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
verleiht der Börsenverein im Jahre 1978
Astrid
Lindgren
die mit ihrem
gesamten Werk beispielhaft für alle steht,
die mit ihren Büchern Kindern in aller Welt als unverlier-
baren Schatz die Phantasie schenken und ihr Vertrauen
in das Leben bestärken.
Neugier im Kind zu
wecken, es kritisch zu machen gegenüber
großen Worten und Parolen, ist genauso wichtig
wie die Aufgabe, ihnen die Angst zu nehmen vor der
Welt und er Zukunft.
Das Werk von Astrid
Lindgren bedeutet keine Abkehr
von der Wirklichkeit, keine Verführung zur Flucht in
Träume. Astrid Lindgren führt in eine Welt, in der wir
lachen und weinen, träumen, aber auch leben können.
Ihre Bücher vermitteln Leben und Wärme, bezaubern und
verzaubern. Sie erziehen behutsam, aber nachdrücklich
zu Toleranz und Verantwortung, den unabdingbaren
Voraussetzungen des Friedens.
BÖRSENVEREIN DES
DEUTSCHEN BUCHHANDELS
Der Vorsteher
Rolf Keller
Frankfurt am Main,
in der Paulskirche
am 22. Oktober 1978
Und nun
hat Astrid Lindgren das Wort:
Liebe Freunde!
Das erste, was ich zu
tun habe, ist Ihnen zu danken, und das tue ich von ganzem Herzen. Der
Friedenspreis des Deutschen Buchhandels strahlt einen solchen Glanz aus
und ist eine so hohe Auszeichnung, dass es einen fast überwältigt,
empfängt man ihn. Und jetzt stehe ich hier, wo schon so viele kluge
Männer und Frauen ihre Gedanken und ihre Hoffnungen für die Zukunft der
Menschheit und den von uns allen ersehnten ewigen Frieden ausgesprochen
haben - was könnte ich wohl sagen, das nicht schon andere vor mir gesagt
haben?
Über den Frieden
sprechen heißt ja über etwas sprechen, das es nicht gibt. Wahren Frieden
gibt es nicht auf unserer Erde und hat es auch nie gegeben, es sei denn
als Ziel, das wir offenbar nicht zu erreichen vermögen. Solange der
Mensch auf dieser Erde lebt, hat er sich der Gewalt und dem Krieg
verschrieben, und der uns vergönnte, zerbrechliche Friede ist ständig
bedroht. Gerade heute lebt die ganze Welt in der Furcht vor einem neuen
Krieg, der uns alle vernichten wird. Angesichts dieser Bedrohung setzen
sich mehr Menschen denn je zuvor für Frieden und Abrüstung ein - das ist
wahr, das könnte eine Hoffnung sein.
Doch Hoffnung hegen
fällt so schwer. Die Politiker versammeln sich in großer Zahl zu immer
neuen Gipfelgesprächen, und sie alle sprechen so eindringlich für
Abrüstung, aber nur für die Abrüstung, die die anderen vornehmen
sollen. Dein Land soll abrüsten, nicht meines! Keiner will den Anfang
machen. Keiner wagt es anzufangen, weil jeder sich fürchtet und so
geringes Vertrauen in den Friedenswillen des anderen setzt. Und während
die eine Abrüstungskonferenz die andere ablöst, findet die irrsinnigste
Aufrüstung in der Geschichte der Menschheit statt. Kein Wunder, dass wir
alle Angst haben, gleichgültig, ob wir einer Großmacht angehören oder
in einem kleinen neutralen Land leben. Wir alle wissen, dass ein neuer
Weltkrieg keinen von uns verschonen wird, und ob ich unter einem neutralen
oder nicht-neutralen Trümmerhaufen begraben liege, das dürfte kaum einen
Unterschied machen.
Müssen wir uns nach
diesen Jahrtausenden ständiger Kriege nicht fragen, ob der Mensch nicht
vielleicht schon in seiner Anlage fehlerhaft ist? Und sind wir unserer
Aggressionen wegen zum Untergang verurteilt? Wir alle wollen ja den
Frieden. Gibt es denn da keine Möglichkeit, uns zu ändern, ehe es zu
spät ist? Könnten wir es nicht vielleicht lernen, auf Gewalt zu
verzichten? Könnten wir nicht versuchen, eine ganz neue Art Mensch zu
werden? Wie aber sollte das geschehen, und wo sollte man anfangen?
Ich glaube, wir
müssen von Grund auf beginnen. Bei den Kindern.
Sie, meine Freunde,
haben Ihren Friedenspreis einer Kinderbuchautorin verliehen, und da werden
Sie kaum weite politische Ausblicke oder Vorschläge zur Lösung
internationaler Probleme erwarten. Ich möchte zu Ihnen über die Kinder
sprechen. Über meine Sorge um sie und meine Hoffnung für sie.
Die jetzt Kinder sind,
werden ja einst die Geschäfte unserer Welt übernehmen, sofern dann noch
etwas von ihr übrig ist. Sie sind es, die über Krieg und Frieden
bestimmen werden und darüber, in was für einer Gesellschaft sie leben
wollen. In einer, wo die Gewalt nur ständig weiterwächst, oder in einer,
wo die Menschen in Frieden und Eintracht miteinander leben.
Gibt es auch nur die
geringste Hoffnung darauf, dass die heutigen Kinder dereinst eine
friedlichere Welt aufbauen werden, als wir es vermocht haben? Und warum
ist uns dies trotz allen guten Willens so schlecht gelungen?
Ich erinnere mich noch
sehr gut daran, welch ein Schock es für mich gewesen ist, als mir eines
Tages - ich war damals noch sehr jung - klar wurde, dass die Männer, die
die Geschichte der Völker und der Welt lenkten, keine höheren Wesen mit
übernatürlichen Gaben und göttlicher Weisheit waren. Dass sie Menschen
waren mit den gleichen menschlichen Schwächen wie ich. Aber sie hatten
Macht und konnten jeden Augenblick schicksalsschwere Entscheidungen
fällen, je nach den Antrieben und Kräften, von denen sie beherrscht
wurden. So konnte es, traf es sich besonders unglücklich, zum Krieg
kommen, nur weil ein einziger Mensch von Machtgier oder Rachsucht besessen
war, von Eitelkeit oder Gewinnsucht, oder aber - und das scheint das
häufigste zu sein - von dem blinden Glauben an die Gewalt als das
wirksamste Hilfsmittel in allen Situationen. Entsprechend konnte ein
einziger guter und besonnener Mensch hier und da Katastrophen verhindern,
eben weil er gut und besonnen war und auf Gewalt verzichtete.
Daraus konnte ich nur
das eine folgern:
Es sind immer auch
einzelne Menschen, die die Geschichte der Welt bestimmen. Warum aber waren
denn nicht alle gut und besonnen? Warum gibt es so viele, die nur Gewalt
wollten und nach Macht strebten? Waren einige von Natur aus böse? Das
konnte ich damals nicht glauben, und ich glaube es auch heute nicht.
Die Intelligenz, die
Gaben des Verstandes mögen zum größten Teil angeboren sein, aber in
keinem neugeborenen Kind schlummert ein Samenkorn, aus dem zwangsläufig
Gutes oder Böses sprießt. Ob ein Kind zu einem warmherzigen, offenen und
vertrauensvollen Menschen mit Sinn für das Gemeinwohl heranwächst oder
aber zu einem gefühlskalten, destruktiven, egoistischen Menschen, das
entscheiden die, denen das Kind in dieser Welt anvertraut ist, je nachdem,
ob sie ihm zeigen, was Liebe ist, oder aber dies nicht tun.
"Überall lernt
man nur von dem, den man liebt",
hat Goethe einmal gesagt, und dann muss es wohl wahr sein.
Ein Kind, das von
seinen Eltern liebevoll behandelt wird und das seine Eltern liebt, gewinnt
dadurch ein liebevolles Verhältnis zu seiner Umwelt und bewahrt diese
Grundeinstellung sein Leben lang. Und das ist auch dann gut, wenn das Kind
später nicht zu denen gehört, die das Schicksal der Welt lenken. Sollte
das Kind aber wider Erwarten eines Tages doch zu diesen Mächtigen
gehören, dann ist es für uns alle ein Glück, wenn seinen Grundhaltung
durch Liebe geprägt worden ist und nicht durch Gewalt. Auch künftige
Staatsmänner und Politiker werden zu Charakteren geformt, noch bevor sie
das fünfte Lebensjahr erreicht haben - das ist erschreckend, aber es ist
wahr.
Blicken wir nun einmal
zurück auf die Methoden der Kindererziehung früherer Zeiten. Ging es
dabei nicht allzu häufig darum, den Willen des Kindes mit Gewalt, sei sie
physischer oder psychischer Art, zu brechen? Wie viele Kinder haben ihren
ersten Unterricht in Gewalt "von denen, die man liebt", nämlich
von den eigenen Eltern erhalten und dieses Wissen dann der nächsten
Generation weitergegeben!
Und so ging es fort,
"Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben", hieß es schon im
Alten Testament, und daran haben durch die Jahrhunderte viele Väter und
Mütter geglaubt. Sie haben fleißig die Rute geschwungen und das Liebe
genannt. Wie aber war denn nun die Kindheit aller dieser wirklich
"verdorbenen Knaben", von denen es zur Zeit so viele auf der
Welt gibt, dieser Diktatoren, Tyrannen und Unterdrücker, dieser
Menschenschinder?
Dem sollte man einmal
nachgehen.
Ich bin überzeugt davon, dass wir bei den meisten von ihnen auf einen
tyrannischen Erzieher stoßen würden, der mit einer Rute hinter ihnen
stand, ob sie nun aus Holz war oder im Demütigen, Kränken, Bloßstellen,
Angstmachen bestand.
In den vielen von Hass
geprägten Kindheitsschilderungen der Literatur wimmelt es von solchen
häuslichen Tyrannen, die ihre Kinder durch Furcht und Schrecken zu
Gehorsam und Unterwerfung gezwungen und dadurch für das Leben mehr oder
weniger verdorben haben. Zum Glück hat es nicht nur diese Sorte von
Erziehern gegeben, denn natürlich haben Eltern ihre Kinder auch schon von
jeher mit Liebe und ohne Gewalt erzogen. Aber wohl erst in unserem
Jahrhundert haben Eltern damit begonnen, ihre Kinder als ihresgleichen zu
betrachten und ihnen das Recht einzuräumen, ihre Persönlichkeit in einer
Familiendemokratie ohne Unterdrückung und ohne Gewalt frei zu entwickeln.
Muss man da nicht
verzweifeln, wenn jetzt plötzlich Stimmen laut werden, die die Rückkehr
zu dem alten autoritären System fordern? Denn genau das geschieht zur
Zeit mancherortens in der Welt. Man ruft jetzt wieder nach "härterer
Zucht", nach "strafferen Zügeln" und glaubt dadurch alle
jugendlichen Unarten unterbinden zu können, die angeblich auf zuviel
Freiheit und zuwenig Strenge in der Erziehung beruhen. Das aber hieße den
Teufel mit dem Beelzebub austreiben und führt auf die Dauer nur zu noch
mehr Gewalt und zu einer tieferen und gefährlicheren Kluft zwischen den
Generationen.
Möglicherweise
könnte diese erwünschte "härtere Zucht" eine äußerliche
Wirkung erzielen, die die Befürworter dann als Besserung deuten würden.
Freilich nur so lange, bis auch sie allmählich zu der Erkenntnis
gezwungen werden, dass Gewalt immer wieder nur Gewalt erzeugt - so wie es
von jeher gewesen ist.
Nun mögen sich viele
Eltern beunruhigt durch die neuen Signale fragen, ob sie es bisher falsch
gemacht haben. Ob eine freie Erziehung, in der die Erwachsenen es nicht
für selbstverständlich halten, dass sie das Recht haben zu befehlen und
die Kinder die Pflicht haben, sich zu fügen, womöglich nicht doch falsch
oder gefährlich sei.
Freie und
un-autoritäre Erziehung bedeutet nicht, dass man die Kinder sich selber überlässt,
dass sie tun und lassen dürfen, was sie wollen. Es bedeutet nicht, dass
sie ohne Normen aufwachsen sollen, was sie selber übrigens gar nicht
wünschen.
Verhaltensnormen
brauchen wir alle, Kinder und Erwachsene, und durch das Beispiel ihrer
Eltern lernen die Kinder mehr als durch irgendwelche anderen Methoden.
Ganz gewiss sollen Kinder Achtung vor ihren Eltern haben, aber ganz gewiss
sollen auch Eltern Achtung vor ihren Kindern haben, und niemals dürfen
sie ihre natürliche Überlegenheit missbrauchen. Liebevolle Achtung
voreinander, das möchte man allen Eltern und allen Kindern wünschen.
Jenen aber, die jetzt
so vernehmlich nach härterer Zucht und strafferen Zügeln rufen, möchte
ich das erzählen, was mir einmal eine alte Dame berichtet hat. Sie war
eine junge Mutter zu der Zeit, als man noch an diesen Bibelspruch glaubte,
dieses "Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben".
Im Grunde ihres
Herzens glaubte sie wohl gar nicht daran, aber eines Tages hatte ihr
kleiner Sohn etwas getan, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel
verdient hatte, die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den Garten
zu gehen und selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen
sollte. Der kleine Junge ging und blieb lange fort. Schließlich kam er
weinend zurück und sagte: "Ich habe keinen Stock finden können,
aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen."
Da aber fing auch die
Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des
Kindes. Das Kind musste gedacht haben, "Meine Mutter will mir
wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein."
Sie nahm ihren kleinen
Sohn in die Arme, und beide weinten eine Weile gemeinsam. Dann legte sie
den Stein auf ein Bord in der Küche, und dort blieb er liegen als
ständige Mahnung an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selber
gegeben hatte: "NIEMALS GEWALT!"
Ja, aber wenn wir
unsere Kinder nun ohne Gewalt und ohne irgendwelche straffen Zügel
erziehen, entsteht dadurch schon ein neues Menschengeschlecht, das in
ewigem Frieden lebt? Etwas so Einfältiges kann sich wohl nur ein
Kinderbuchautor erhoffen! Ich weiß, dass es eine Utopie ist. Und ganz gewiss
gibt es in unserer armen, kranken Welt noch sehr viel anderes, das
gleichfalls geändert werden muss, soll es Frieden geben. Aber in dieser
unserer Gegenwart gibt es - selbst ohne Krieg - so unfassbar viel
Grausamkeit, Gewalt und Unterdrückung auf Erden, und das bleibt den
Kindern keineswegs verborgen. Sie sehen und hören und lesen es täglich,
und schließlich glauben sie gar, Gewalt sei ein natürlicher Zustand.
Müssen wir ihnen dann
nicht wenigstens daheim durch unser Beispiel zeigen, dass es eine andere
Art zu leben gibt?
Vielleicht wäre es
gut, wenn wir alle einen kleinen Stein auf das Küchenbord legten als
Mahnung für uns und für die Kinder:
NIEMALS GEWALT!
Es könnte trotz allem
mit der Zeit ein winziger Beitrag sein zum Frieden in der Welt.
Quellen:
"Astrid Lindgren" ... Ansprachen anlässlich der Verleihung des
Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, ISBN 3-7657-0820-8 (1978)
"Astrid Lindgren" ... von Sybil Gräfin Schönfeldt,
Rowohlt Taschenbuch Verlag (1987), ISBN 3-499-50371-9
|