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Alle Macht der Phantasie

Grüße von Pippi Langstrumpf und Ronja:
Die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren wird heute 90

© Gert Ueding - Berliner Morgenpost 1997


Mehr können Schriftsteller nicht erreichen, als daß ihre Figuren ein unabhängiges Leben zu führen beginnen - so wie der abenteuerlustige Robinson oder Winnetou. Doch was nur selten einmal in einem Dichterleben glückt, Astrid Lindgren hat das geniale Kunststück beinah mit jedem neuen Buch vorgemacht: ob der freche Michel oder der einsame Mio, ob Karlsson oder Ronja Räubertochter, ob die Kinder aus Bullerbü oder die wunderbare Pippi Langstrumpf - ihnen allen gelten Tausende von Briefen aus aller Welt, die ihre Autorin plagen, weil sie sie gerne beantworten möchte, dann aber keine Bücher mehr schreiben könnte. Das sei zwar harte Arbeit, erklärte sie einmal, "aber es ist das Herrlichste, was es gibt. Ich schreibe morgens, und abends denke ich: Ach, wenn es doch schon wieder Morgen wäre und ich weiterschreiben könnte."

Diese Schreiblust ist ihr nicht an der Wiege gesungen worden, wenn das Erzählen auch, wie bei Millionen Müttern und Vätern, zu der Erziehung gehörte, die sie den eigenen Kindern angedeihen ließ. Die Geburtsstunde von Pippi Langstrumpf ist oft beschrieben worden: "Was soll ich dir erzählen?", frage ich nach Mutterart. "Erzähl von Pippi Langstrumpf!" bat Karin eines Abends. Sie hatte den Namen in diesem Augenblick erfunden ..." Doch daß sie ins Buch gelangte, dafür bedurfte es noch einiger Umwege und der Langeweile einer längeren Rekonvaleszenz.

1907 in einem südschwedischen Dorf geboren, in bäuerlicher Umgebung aufgewachsen und in einer Kleinstadt zur Schule gegangen, kannte Astrid Lindgren zunächst nichts anderes als familiäre Geborgenheit. "Meine Kindheit? Das weiß doch schon die ganze Welt! Aber nun werde ich lügen und sagen: Es war schrecklich!" Sie wurde Sekretärin, arbeitete ab 1926 in Stockholm, zunächst in einem Rechtsanwaltsbüro, von 1946 bis 1970 dann als Lektorin in Schwedens größtem Kinderbuchverlag.

Das war eine Umgebung, die kraß mit dem Paradies ihrer Kindheit kontrastierte, eine Welt der Geschäftigkeit. Doch wenn das Talent vorhanden ist, gibt es kein größeres Stimulans für schöpferische Produktivität als den Mangel. So begann sie, über die vergangene Welt zu erzählen, zunächst ihren Kindern, doch dies familiäre Geschichtenerzählen war immer schon ebenso ein Vorwand, die eigenen Wünsche zu erfüllen. Später hat sie es freimütig bekannt: "Ronja ist entstanden, weil ich selbst in einer Stadt lebe und Sehnsucht nach der Wildnis habe. Ich sehne mich nach dem Wald - aber ich kann dort nicht sein. Und dann kommt die Phantasie."

Doch was alles so ungleichzeitig wirkt: ob der Bauernhof in Bullerbü, Katthult in der Gemeinde Lönneberga, wo Michel aus seiner Suppenschüssel befreit werden muß, oder die genau in der Mitte gespaltene Räuberburg, in deren einen Hälfte Ronja, in deren anderer ihr Freund Birk wohnt - diese oft märchenhaft wirkenden Szenarien haben auf den zweiten Blick sehr viel mit der modernen Welt zu tun. Sie sind deren märchenhaft verkleidete Fassaden, aber wenn man eintritt, begegnen einem die vertrauten Probleme. Menschliche Kälte, Haß und Feindschaft, Angst und Verbrechen sind der Grund, auf dem Astrid Lindgrens Kinderfiguren dennoch zu tanzen beginnen.

In den Augenblicken der Trostlosigkeit ertönt bei ihr immer das kleine Zeichen, das die Wende ankündigt: Unter dem Bett ruckt es, und Nils Karlsson-Däumling tritt hervor, oder Herr Lilienstengel, der Mann hinter dem Fenster, steht plötzlich in der Stube. Traumfiguren sie alle, aus Phantasie und Mangel zugleich geboren. Sie helfen ihren Schützlingen. Astrid Lindgren schreibt lauter Rettungsromane, Wunscherfüllungsphantasien, die aber keine Fluchtliteratur sind, sondern die Einbildungskraft wecken, damit sie ihren Teil zur Lebensmeisterung beiträgt. "Solche Bilder braucht der Mensch. An dem Tag, da die Phantasie der Kinder nicht mehr die Kraft besitzt, sie zu schaffen, an diesem Tag verarmt die Menschheit."

© Gert Ueding - Berliner Morgenpost 1997



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